Ein neuer Sitz für den Beiwagen

Nachdem das Polster meines Beiwagensitzes gerissen war, habe ich mich entschlossen, mir einen komplett neuen Sitz zu bauen. Aber wie macht man das eigentlich? Ich habe einfach mal angefangen.

Beiwagensitz oder Campingstuhl?

Der Stoye Superelastik Beiwagen hatte ab Werk einen sehr einfachen Sitz, der mit einem klassischen Campingstuhl vergleichbar ist: am Rahmen sind kleine Metallfedern eingehängt, zwischen denen ein Seil gespannt ist. Darauf liegt eine einfache Sitzauflage, die aus Schaumstoff und einem Kunstlederbezug besteht. Die beiden Seitenteile an den Wänden bestehen aus einer stabilen Pappe, einer dünnen Schaumstoffschicht und Kunstleder. Insgesamt eine sehr einfache, leichte und günstige Lösung, die in Sekundenschnelle zerlegt und ausgetauscht werden kann – und dabei erstaunlich bequem ist.

Ein richtiger DDR-Eigenbau

Aber nichts ist so gut, dass man es nicht noch verbessern könnte. Das dachte sich wohl auch einer der Vorbesitzer. Der hat den originalen Sitz nämlich ausgebaut und stattdessen ein richtiges „Sitzmöbel“ angefertigt. Statt Federn und Seilen bildeten nun stabile Sperrholzplatten die Grundlage. Darauf war ein dickes Polster und ein Kunstlederbezug mit Ziernähten und -nägeln befestigt. Dabei wurde auch die Form etwas geändert: Die Rückenlehne war nun deutlich höher und ragte knapp 20 cm über den Kofferraum und auch die Sitzfläche war länger als beim originalen Sitz.

Ich fand diesen Sitz richtig toll. Er sah nicht nur sehr gemütlich aus, man saß darin auch bequem wie in einem Sessel. Obendrein war er ein echtes Unikat und auf MZ-Treffen immer ein Hingucker. Und auch die Befestigung war vom Erbauer clever gelöst: Die Sitzfläche ließ sich einfach rausnehmen, damit der Stauraum darunter problemlos zugänglich war. Die Seitenteile waren auch gesteckt und die Rückenlehne mit nur zwei Flügelmuttern befestigt.

Problematisch war eigentlich nur die hohe Lehne: Die originale Staubschutzdecke passte nicht darüber. Ich habe mir deshalb selbst eine angefertigt, die aber nicht wirklich schön war. Außerdem machte die hohe Lehne die flache Linie des Beiwagens zunichte.

Neu beziehen? Auf Original zurückrüsten? Ganz neu bauen?

Ich stand also vor der Frage: Was mache ich mit dem Sitz? Lasse ich den vorhandenen Sitz neu beziehen? Schwierig, denn das Holz war schon ziemlich gammelig. Rüste ich auf den originalen Sitz zurück? Auch schwierig, denn es fehlten viele Teile und ich wusste nicht, welche Änderungen am Beiwagen vorgenommen wurden, die erst wieder zurückgebaut werden mussten. Die Entscheidung lautete also: Ich baue einen neuen Sitz im Stil des bisherigen „Sessels“. Dabei mache ich aber die Lehne kürzer, damit sie sich optisch besser einfügt und ich die originale Abdeckplane benutzen kann.

Siebdruckplatten als Ausgangsbasis

Ich habe das Projekt also kurz mit einem Sattler besprochen und losgelegt: Die Grundplatten für Rückenlehne und Sitzfläche bilden 12-mm-Siebdruckplatten. Diese sind sehr stabil und vor allem wasserfest, gammeln also nicht weg, wenn ich mal im Regen fahre. Bei den Seitenteilen habe ich welche mit 9 mm Stärke genommen, weil sie nichts tragen müssen.

Bevor es mit dem Sägen losging, habe ich die Formen der alten Teile auf Karton übertragen und diese Vorlagen solange angepasst, bis sie perfekt gepasst haben. Erst dann wurden die Formen auf die neuen Platten übertragen und ausgesägt. Die beschichtete Seite der Siebdruckplatten bildete dabei jeweils die Rückseite, weil sie unempfindlicher ist. Die Schnittkanten habe ich mit der Raspel begradigt und die scharfen Kanten etwas „gebrochen“, damit der Bezug später nicht beschädigt wird.

Sitz Beiwagen Stoye Superelastik MZ Gespann

Viel Arbeit mit den Seitenteilen

Bei den Seitenteilen gab es einiges zu beachten. Erstens musste ich dort einige Löcher und Aussparungen für die ganzen Schraubenköpfe und Unebenheiten bohren, die sich in den seitlichen Blechen befinden. Und natürlich ein großes Loch für die Wulst, hinter der der Stoßdämpfer sitzt.

Das nächste Problem war, dass die Seitenwände des Beiwagens leicht gebogen sind, die Siebdruckplatten aber ganz gerade. Normales Holz könnte man mit Wasserdampf (oder für die ganz Harten: Ammoniak) weichmachen und in Form biegen. Da die Siebdruckplatten aber mit Kunstharz getränkt sind, bringt das hier nichts. Ich habe deshalb mit Druck und Zeit gearbeitet. Anders ausgedrückt: Ich habe sie mit Schraubzwingen in Form gepresst und ein paar Wochen abgewartet. Danach hatten sie die Form zumindest grob angenommen, aber natürlich nicht nicht zu hundert Prozent. Ich habe sie deshalb zusätzlich mit Schrauben, die ohnehin schon in den Seitenwänden waren, in Form gezogen. Dazu habe ich Einschlagmuttern in den Holzplatten genutzt. Auf die Weise haben die Platten die perfekte Passform und können auch nicht verrutschen.

Sitz Beiwagen Stoye Superelastik MZ Gespann

Für die Befestigung von Rückenlehne und Sitzfläche habe ich mir Halter angefertigt. Damit auch hier nichts rosten kann, habe ich soweit möglich auf Edelstahlteile aus dem Bootsbau zurückgegriffen und sie an meine Bedürfnisse angepasst.

Die Schnittkanten für Nässe schützen

Eigentlich sind Siebdruckplatten durch und durch wasserdicht. Selbst an Schnittkanten oder Bohrlöchern dürfte bei Kontakt mit Wasser nichts passieren. Eigentlich. Aber sicher ist sicher, deshalb habe ich alle Kanten dick mit Lack eingepinselt bzw. eingesprüht. Das kann nicht schaden.

Ein Fall für den Sattler

Damit ist das Grundgerüst fertig. Es fehlen „nur“ noch die Polster und Bezüge. Ich habe zwar schon verschiedene Sitzbänke bezogen und auch schon einfache Polster angefertigt, aber das hier ist mir dann doch zu hoch. Deshalb gebe ich die Teile in die erfahrenen Hände der Sattlerei Jurissek. Mal sehen, was die daraus zaubern. Ende Januar habe ich dort einen Termin. Ich werde berichten. 🙂

 

Martin

Martin

Schraubt gerne an seinen Motorrädern rum. Wenn sie danach noch funktionieren, fährt er auch gerne eine Runde. Beides mit überschaubarem Können aber viel Herzblut.

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