Marx, Engels, Suzuki

Gestern habe ich wieder fleißig an meiner Katana geschraubt, geflext und geschweißt. Und ich musste mir mal wieder vor Augen führen lassen, dass die Herren Marx und Engels so dumm nicht waren. Die kleine Suzuki ist nämlich die ideale Verkörperung des dialektischen Materialismus.

Suzuki GSX400F Custombike

Ein kleiner Exkurs für all jene, die im Philosophiestudium nicht so genau aufgepasst haben: Der dialektische Materialismus sieht die Entwicklungen in der Welt stets unterteilt in drei Phasen:

These – Antithese – Synthese

Alles Sein ist ein Kampf von Gegensätzen, die in der Gänze doch eine Einheit bilden. Es handelt sich aber nicht nur um ein immerwährendes Hin und Her zwischen zwei Polen, sondern um eine aufsteigende Bewegung: Das Ergebnis ist stets „hochwertiger“ als die Ausgangssituation, sowohl quanti- wie auch qualitativ. Es läuft auf der Welt also immer alles nach diesem Schema ab: These – Antithese – Synthese

These

Am Anfang steht eine Situation, eine These oder eine Sache. Das kann alles Mögliche sein. Um bei Marx und Engels zu bleiben, nehmen wir als Beispiel die kapitalistische Gesellschaft.

Antithese

Genau genommen ist es keine Antithese, sondern die Negation der These. Die kapitalistische Gesellschaft produziert zwangsläufig Gegensätze, Probleme, Krisen. Am Anfang nur im Kleinen und an den Rändern. Das Ganze schaukelt sich aber mit der Zeit soweit auf, dass am Ende die gesamte kapitalistische Gesellschaftsform zusammenbricht.

Synthese

Die Negation der Negation. Aus der Krise des Kapitalismus entsteht etwas Neues, das die positiven Seiten übernimmt (also z.B. die demokratische Ordnung), die negativen aber überwindet (z.B. die Ausbeutung bestimmter Menschengruppen) und damit eine qualitativ höhere Stufe erreicht: Der Kommunismus. Nun ja, zumindest theoretisch.

Suzuki GSX400F Custombike

Das war jetzt ein bisschen abgehoben, deshalb schnell ein anschaulicheres Beispiel hinterher: Am Anfang ist ein Getreidekorn (= These). Das Korn fällt auf die Erde und keimt. Es geht dadurch als Getreidekorn verloren (= Antithese), wird aber zur Pflanze, die sehr viele neue Getreidekörner erzeugt (= Synthese). Kapiert?

Suzuki GSX400F Custombike

Was hat das nun mit meiner Suzuki zu tun?

Der dialektische Materialismus eignet sich auch hervorragend dazu, Umbauprojekte zu beschreiben. Am Anfang steht ein Motorrad. Das Motorrad wird verändert und verliert dadurch sein typisches Aussehen und seine Identität. Am Ende kommt dabei aber etwa Neues, Besseres heraus: Ein wunderschönes Custombike. Nun ja, zumindest theoretisch.

Aber so schön das im Großen und Ganzen klingt, so nervig ist das im Detail. Es lässt sich nämlich auch auf die einzelnen Arbeitsschritte anwenden: Beispiel Scheinwerfer und Frontverkleidung. Ich baue mir eine neue Frontverkleidung und passe in stundenlangem Gefrickel den Scheinwerfer ein (= These). Ich stehe davor und freue mich, dass alles so toll funktionert und auch ganz okay aussieht. Ich schiebe das Moped von der Bühne und wundere mich, warum ich den Lenker nicht einschlagen kann. WEIL DER VERDAMMTE SCHEINWERFER AM VERDAMMTEN LENKSCHLOSS ANSCHLÄGT (= Antithese). Ich reiß den ganzen Mist runter und hau ihn in die Tonne. Ich baue alles um, damit es funktioniert und freue mich umso mehr darüber. (= Synthese)

Nun ja, zumindest ist das der Plan. Bislang habe ich noch nicht die Zeit und die Nerven dazu gehabt und weiß auch noch nicht genau, wie ich das lösen soll. Lenkschloss abflexen? Scheinwerfer versetzen? Mal sehen.

Suzuki GSX400F Custombike

Und das führt direkt zum zweiten Punkt, was Marx, Engels und meine Suzuki miteinander zu tun haben:

Das Sein bestimmt das Bewusstsein

Oder korrekt zitiert: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Konkrete bedeutet das in meinem Fall: Egal wie viel Spaß mir das Schrauben macht und wie sehr ich mich um positives Denken bemühe – wenn es nicht funktioniert, bin ich trotzdem einfach nur angepisst. 🙁

Suzuki GSX400F Custombike

Soviel zur Erfüllung meines Bildungsauftrags. Bleibt noch zu sagen: Ja, das Motorrad ist im Moment ein wirklich wilder Stilmix und vieles sieht sehr provisorisch aus. Ist es ja auch. Aber ich finde es soweit ganz vielversprechend und bin gespannt, was am Ende dabei rauskommt. Hoffentlich etwas, was qualitativ über der Ausgangsthese steht. Sonst hätte die kleine Kati die Herren Marx und Engels widerlegt und das wollen wir ja nun wirklich nicht. 😉

 

Martin

Martin

Schraubt gerne an seinen Motorrädern rum. Wenn sie danach noch funktionieren, fährt er auch gerne eine Runde. Beides mit überschaubarem Können aber viel Herzblut.

Voriger Beitrag
Nächster Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.